Skischuh ausgezogen

Der Verzicht auf das Schlafmittel Temesta hatte die befürchtete Wirkung: Lange nicht eingeschlafen und früh erwacht. Da wurde mir auch wieder mal die Geräuschkulisse so richtig vor Augen bzw. vor Ohren geführt: Viriles Schnarchen und anhaltendes Furzen aus den Nachbarbetten sind der Entspannung nicht gerade förderlich. Dazu wurde um fünf Uhr früh meinen Kameraden noch der Katheter gezogen, da tanzt nur die Vorstellung schon Pirouetten… Aber auch diese Nacht ging vorbei und noch vor dem Zmorge kam für die Chefvisite der Verband weg. Das war ein tolles Gefühl. Wie wenn man aus einem zu eng geschnürten Skischuh rauskommen würde… Aber die Naht: Ist sicher 20 cm lang, aber sauber. Das lässt auf die morgige Entlassung hoffen.
Dann wird Phase 2 beginnen: «Konstruktive Rekonvaleszenz» ohne meiner liebsten Frau auf die Nerven zu gehen. Wenn auch sonst die Hauptlast des Haushaltes an ihr hängt, dann wird es alles sein, schlimmer noch, ein zusätzliches Kind. Das wird Herausforderung 1.
Herausforderung 2 wird die berufliche Sicht sein. Ich war letztes Jahr schon viel abwesend (Gallenblase, Sabattical) und jetzt schon wieder. Vor allem aber habe ich ein Eigeninteresse, mein Projekt voranzutreiben, was bei normaler Arbeitsfähigkeit auch nicht so ein Problem wäre. Wenn ich jetzt aber den ärztlichen Rat befolgen will (und das will ich), dann muss ich in der nächsten Zeit das Bein hochgelagert lassen, also faktisch im Bett bleiben. Da kann ich nicht arbeiten. Die Gewissheit, dass Carmen weiterhin Gas gibt, beruhigt, aber ein Ohnmachtsgefühl bleibt trotzdem bestehen.
Ich bekomme einen geteilten Kunststoffgips. Also mit Gips hat das nicht mehr viel zu tun, es ist eine einigermassen flexible Schale, die erst mit den Elastbändern die notwendige Steifigkeit bekommt. Nicht unangenehm im Vergleich zur vorgängigen Kartonschiene.
Am Nachmittag Physio. Die Stöcke sind bereits da. Die Physio war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Nachdem die Therapeutin festgestellt hatte, dass ich in der Lage war, ein Stockwerk über die Treppe hochzusteigen, waren offenbar die Ziele erfüllt und, wenigstens von dieser Seite, die Voraussetzungen für die Entlassung morgen gegeben. Habe beim Portier dann noch Stöcke gekauft, sie leihen sie hier nicht mehr aus.
Zwischendurch noch für’s Geschäft gearbeitet. Aber es strengt mich momentan zu fest an, ich komme fast nicht vorwärts. Alex ruft aus Basel an und schwärmt von blauem Himmel, Sonnenschein und 10°, während wir hier in einer weissen Nebelsuppe sitzen, Temperaturen um den Gefrierpunkt.